RAW vs. JPEG
Wer hat sich nicht schon einmal über den weißen, “ausgebrannten” Himmel bei einigen der Aufnahmen geärgert, die man bei vermeintlich bestem Sonnenschein im Urlaub “knipste”. Der Grund liegt zum einen in der falschen Belichtungseinstellung, die die Kamera oder der Fotograf gewählt hat, zum anderen auch in einer grundsätzlichen Schwäche der Digitalfotografie: Der darstellbare Kontrastumfang der Bildsensoren ist einfach noch zu gering.
Dieser Kontrastumfang reicht einfach nicht aus, um einerseits den sehr hellen Himmel im Hintergrund und gleichzeitig die dunkle Kirchenmauer im Vordergrund richtig zu belichten, die Szene also genauso aufzunehmen, wie es unser Auge sieht. Auch bei der nachträglichen Bearbeitung wird es bei JPEG-Bildern einfach nicht gelingen, diesen Kontrastumfang wiederherzustellen.
Um diesen Effekt zu verhindern, gibt es einige Möglichkeiten, die man bereits vor der Aufnahme berücksichtigen kann:
1. Auf besseres Licht warten - gerade um die Mittagszeit herum entstehen sehr starke Kontraste. Morgens und gegen Abend hat man dagegen ein sanftes Licht, die Schatten sind nicht so stark, der Himmel nicht so extrem hell. Außerdem könnte man noch versuchen, einen anderen Standort zu wählen, um die Sonne halbwegs im Rücken zu haben. Ein von der Sonne stark beleuchtetes Objekt bietet einen geringeren Kontrast zu einem hellen Hintergrund.
2. Man verwendet einen sogenannten Verlaufsfilter Grau, der aus einem teilweise grau gefärbten Glas besteht. Er wird vor das Objektiv gesetzt, um den Himmel mit dem grauen Teil abzudunkeln, während der Vordergrund durch den nicht-grauen Teil des Filters normal belichtet wird.
3. Man verwendet das RAW-Format und wählt die endgültige Belichtungseinstellung erst beim Nachbearbeiten am PC.
Im RAW-Format der Digitalkameras werden wesentlich mehr Farb-Informationen pro Bildpunkt gespeichert (zwischen 36 und 42 Bit), als das im JPEG-Format mit seinen lediglich 24 Bit möglich wäre. Um im obigen Beispiel mit dem zu hellen Himmel zu bleiben, würde der Himmel im JPEG-Bild einfach eine reinweiße Fläche sein. Würde man im Bildbearbeitungsprogramm diesen Himmel später abdunkeln wollen, käme nur eine einförmig graue Fläche heraus.
Im RAW-Format jedoch gibt es viele Tausend Farbabstufungen zusätzlich, die vom Bildsensor auch bei einer falschen Belichtung für den Himmel aufgenommen wurden. Beim Nachbearbeiten dieses Bildes hat man dann später die Möglichkeit, die Belichtung noch um mehrere Stufen (+/- 2 Blendenwerte bei den Digital-SLRs) zu ändern. Man würde also durch diese Berarbeitung noch das leichte Himmelblau und auch Wolkenstrukturen wieder sichtbar machen können, genauso wie man noch Details aus den unterbelichteten Schatten des Vordergrunds “hervorholen” kann.
Zwei weitere Vorteile bei der Verwendung des RAW-Formats liegen in der besseren erzielbaren Schärfe und in der individuell anpassbaren Entrauschung. Schaut man sich z.B. ein JPEG-Bild eines Baums mal in der 100%-Ansicht an, das mit einer hypermodernen 12MP-Kompaktkamera aufgenommen wurde, sieht man anstatt der einzelnen Blätter teilweise nur noch unscharfen “Pixelbrei”. Die Kamera hat beim Erstellen des JPEG-Bildes offensichtlich eine fest vorgegebene Entrauschung vorgenommen (bei 12 Megapixeln auf einem winzigen, fingernagelgroßen Bildsensor ist das heutzutage leider schon unausweichlich) und das Bild dann im verlustbehafteten JPEG-Format mit einer hohen Komprimierung gespeichert, um Platz auf der Speicherkarte zu sparen. Auf einem 10×15cm-Print wird man den Unterschied kaum sehen, aber in größeren Formaten und bei sehr feinen Strukturen wie Haaren oder Blättern kann das sehr störend auffallen.
Leider unterstützen nur wenige Kameras der Kompaktklasse das RAW-Format, dafür aber alle Digital-Spiegelreflexkameras am Markt. Man braucht zum Einlesen und Exportieren der RAW-Dateien am PC entweder die vom Kamerahersteller mitgelieferte Konvertersoftware oder ein zusätzliches Programm, beispielsweise Adobe Lightroom, Photoshop CS3, Photoshop Elements 5, Bibble Pro, Phase One’s Capture One, Apple Aperture oder iPhoto08. Es gibt natürlich auch kostenlose Programme wie Google’s Picasa oder das Plugin ufraw für die freie Bildbearbeitungssoftware Gimp.
Durch das Nachbearbeiten benötigt man natürlich wesentlich mehr Zeit für ein RAW-Bild als für ein JPEG-Bild, auch braucht ein RAW teilweise 3mal soviel Speicherplatz auf der Speicherkarte und auf der Festplatte dafür. Bei den heutigen Speicherpreisen sollte man aber für ein gutes, rundum überzeugendes Bild weder an Zeit noch an Geld sparen, denn der eingefangene Moment ist manchmal einfach zu wertvoll.
